Sonntag, 6. Januar 2013

Neela - der Prolog

Nachdem ich im letzten Jahr noch die 100 Seiten geschafft hatte, wollte ich auch mal wieder einen Auszug aus meinem derzeitigen Schreibprojekt posten. Der Prolog sollte es diesmal sein =) Quasi frisch geschrieben und noch nicht vollends in seiner Endform, hier vorab für euch! 



Neela

Prolog

»Es war einmal«, begann sie zu erzählen, »ein Turmwächter, der glücklich mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in seinem bescheidenen Haus lebte. Die Jahre strichen ins Land, als eines Tages die Skorpionreiter in ihr Land einfielen. Er schloss sich der Armee seines Herren an und zog mit ihm in die Schlacht, um gegen die Kreaturen zu kämpfte. Siegreich kam er zurück, doch seine Truppe war geschwächt, sie hatten viele Männer verloren. Als der Turmwächter vor seinem Haus ankam, rannten ihm seine Söhne weinend in die Arme. Auch er weinte, glücklich sie wieder zu sehen. Nach kurzer Zeit bemerkte er die traurigen Blicke seiner beiden Angestellten. Die Amme seiner Söhne schien in den letzten Wochen, als er weg war, stark gealtert zu sein. Erst da fiel ihm auf, dass seine Frau nicht neben der Amme stand, dass sie nirgends auf dem Hof zu sehen waren. Der andere Angestellte wich seinem Blick aus, nahm ihm das Pferd ab und machten sich wieder an die Arbeit. Die Amme jedoch starrte ihn an und schüttelte kaum merklich den Kopf. Da begriff der Turmwächter und er drückte seine Söhne noch fester an sich. Er –«
»Was hat er begriffen?« unterbrach sie eine kindliche Stimme.
»Wenn du mich weiter erzählen lässt, wirst du es erfahren«, sagte die Frau streng. Das Mädchen schürzte die Lippen und zog sich die Decke höher, bis unter die Nase. Sie blickte die Frau mit großen Augen an und wartete auf die Fortsetzung der Geschichte.
»Also schön. Er«, setzte die Frau erneut an, »ließ sich von seinen Söhnen in ihr Haus ziehen und berichtete ihnen, so gut er konnte, vom Krieg. Als er sie am Abend ins Bett bringen ließ, setzte er sich anschließend mit der Amme in die Küche und fragte nach seiner Frau. Er wusste, dass sie entweder tot oder verschwunden war. Die Amme bestätigte seinen Verdacht und schilderte ihm, was sich in einer Nacht zugetragen hatten. Die Skorpione kamen in der dunkelsten aller Nächte und sie waren schnell gewesen. Lautlos waren die Reiter ins Haus eingedrungen, hatten mitgenommen, was sie kriegen konnten. Seine Frau hatte den Fehler gemacht und war ihnen entgegen getreten, um sie aufzuhalten und die Kinder zu schützen. Die Reiter hatten sie als Gegenleistung mitgenommen. Der Graf starrte vor sich hin auf den Tisch, spielte mit einem Messer, nach dem er unbewusst gegriffen hatte. »Sie lebte«, flüsterte er. Die Amme legte ihm tröstend eine Hand auf den Arm und entwendete ihm mit der anderen das Messer. Er sah sie nicht an, starrte weiter auf den Tisch. Sie wusste nicht, was sie noch machen konnte, also ging sie schlafen. Am nächsten Morgen war der Turmwächter verschwunden.«
»Wo ist er hin?«, unterbrach sie das Mädchen wieder.
»Willst du die Geschichte nun hören, oder nicht Neela?« Das Mädchen biss sich auf die Lippen und nickte.
»Dann sei ruhig, damit ich sie dir auch erzählen kann«, tadelte die Frau sie.
»Entschuldige«, nuschelte die Kleine. »Ich bin jetzt auch ganz still, versprochen.«
Kritisch musterte die Frau sie und setzte fort. »Er hatte sich aufgemacht seine Frau zu suchen und war mitten in der Nacht noch aufgebrochen. Er hatte sich geschworen sie zu finden und zurück zu holen.
Er wusste, wo er sie finden würde und ritt zielstrebig auf die Grenze zum Niemandsland, damals noch Schattenland genannt, zu.« Das Mädchen machte große Augen, sie hatte bereits viele Geschichten darüber gehört und wusste, wie gefährlich es war. Doch sie sagte nichts und ließ die Frau weiter reden, auch wenn ihr hundert Fragen auf den Lippen brannten. »Es war nicht schwer, die Grenze zu finden und zu passieren. Wie ein Schnitt teilte sie das Land in zwei Hälften. Dahinter lauerten die Gefahren. Doch der Turmwächter kannte sein Ziel und scheute nicht zurück. Das Land, das er betrat, war tot und feindselig. Damals noch mehr als heute. Er wusste von den Skorpionen und Schlangen, ebenso wie von den Harpyien, doch er fürchtete sich nicht. Furcht lockte sie an. Sie konnten es riechen, Kilometer weit gegen den Wind.« Dem Mädchen lief ein Schauer über den Rücken. »Der Turmwächter war mutig und stark. Er wusste, wonach er suchen musste und wie er sich verteidigen konnte, im Falle eines Angriffs. Bald hatte er einen der vielen Höhleneingänge entdeckt. Dieser war unbewohnt, wie er feststellte. Enttäuscht zog er weiter und schmiedete einen Plan, wie er gegen die Kreaturen vorgehen sollte. Wie du weißt, kleine Neela, sind die Skorpione riesig und ihre Scheren sind gewaltige Waffen, zudem haben sie noch ihren todbringenden Stachel. Kein Mensch sollte ihnen blauäugig entgegen treten, wenn ihm sein Leben lieb ist. Unser Turmwächter war alles andere als blauäugig. Sein Plan nahm immer mehr Gestalt an und war vollends entwickelt, als er einen Höhleneingang erreichte, der erst vor kurzer Zeit genutzt worden war. Leise schlich er hinein und begab sich auf die Suche nach den Zellen. Doch es kam alles anders, als er erwartet hatte. Er fühlte sich in den unterirdischen Gängen hoffnungslos verloren und ward bald von den Skorpionen gefunden, die ihn zum Anführer der Reiter brachten. Seine Frau war längst tot, wie er später in seiner Zelle erfuhr, in der der Clan sie vorher eingesperrt hatte. Die Wände waren blutverschmiert und auf dem Boden fand er viele blonde Haarbüschel, die sich seine Frau ausgerissen haben musste. Der Anführer hatte beschlossen ihn ebenfalls zu töten, so wartete der Turmwächter, mut- und kraftlos auf seine Hinrichtung. Eines Abends befreite einer der Reiter ihn, gab ihm alles, was der Turmwächter zu brauchen schien und führte ihn durch die Gänge an die Oberfläche. Der Turmwächter wusste nicht wie ihm geschah, konnte nicht erfassen, was mit ihm passierte, bis er die kühle Abendluft einatmete und die Sterne sah. Da begriff er, dass er frei war und zurück zu seinem Haus konnte, zu seinen Kindern. Dankend trennte er sich von dem Reiter und lief los. Jedoch nicht in die Richtung seiner Stadt, sondern tiefer in das Schattenland hinein. Er sah keinen Sinn drin, ohne seine geliebte Frau zurück zu kehren. Er wollte zu ihr und wenn er dafür sterben musste. Ziellos lief er umher, bis er die Höhlen der Skorpione hinter sich ließ und das Gebirge vor sich aufragen sah. Er musste es überqueren, um die Drachen zu erreichen. Einzig sie konnten ihm noch helfen. Er setzte alle seine Hoffnungen in sie, auch wenn er sich innerlich schon aufgegeben hatte.
Die Berge zu erreichen, war schwieriger als er angenommen hatte. Riesig ragten sie über dem Land auf, die Gipfel wolkenverhangen. Doch der Weg war weit und die Ebene ohne Verstecke. So dauerte es nicht lang, bis die Harpyien ihn ausfindig machten. Sie hatten ihn gerochen, konnten den Tod schmecken, der an ihm haftete. Zu fünft kamen sie, ihn zu holen. Harpyien sind schreckliche Wesen. Die geflügelten Hexen wurden sie genannt. Sie sehen aus, wie Frauen, mit schwarzen Flügeln. Ihr Schrei kann einer ganzen Armee den Tod bringen, wenn sie es wollten. Ihre Klauen sind messerscharf, mit ihnen reißen sie das Fleisch von den Knochen und ihre Flügel sind so gewaltig und kräftig, dass sie mit einem einzigen Schlag Knochen zerbrechen können. Ihre Opfer sind tot, sobald die Harpyien sie erspäht haben. Als der Turmwächter sie sah, wusste er, dass er keine Chance hatte, ihnen zu entkommen. Er blieb stehen und breitete die Arme aus, um die Kreaturen zu empfangen. Die Harpyien setzten kreischend zum Sturzflug an, streckten ihre Krallen nach vorn. Sie lechzten nach Menschenfleisch, ihre Augen glühten. Die Gier loderte in ihren alles sehenden Augen. Der Turmwächter sah seinem Feind entgegen, erwartete ihn. Die Harpyien –«
»Bitte erzähle nicht weiter, Amme«, unterbrach das Mädchen flehend. »Ich mag die Harpyien nicht. Sie machen mir Angst und ich bekomme sicher Alpträume. Erzähle mir lieber etwas schönes und ob der Turmwächter seine Frau wenigstens im Tod wieder gesehen hat.«
»Also gut«, sagte die Frau. »Der Turmwächter starb zwar, aber er sah seine Frau wieder. Es dauerte, ehe er sie unter den Geistern gefunden hatte, aber als es so weit war, ließ er sie nie wieder gehen. Und zusammen lebten sie lange und glücklich in der Ewigkeit. Oft besuchten sie ihre Kinder, sahen mit an, wie sie aufwuchsen und selber Kinder bekamen. Es erfreute die beiden, ihre Kinder fröhlich zu sehen, auch wenn sie kein Teil mehr ihres Lebens waren.« Das Mädchen lächelte.
»Ich will später auch mal ein Geist sein, aber nur, wenn ich dann nicht von Harpyien getötet werden muss«, sagte sie.
»Das hoffe ich auch für dich«, entgegnete die Frau lächelnd.
»Und ich will auch nie nie nie ins Niemandsland. Oder zu den Skorpionen.« Ihre Stimme klang schläfrig, aber bestimmt.
»Schlaf jetzt, kleine Neela. Es ist genug für einen Tag.« Die Frau stand auf, zog die Decke um Neela zurecht und streichelte deren Wange.
»Gute Nacht, Amme«, sagte das Mädchen, dem allmählich die Augenlider schwer wurden. Es kuschelte sich wohlig in die Decke. Es war eingeschlafen, noch ehe die Frau die Kerze auf dem Nachttisch ausgeblasen hatte.

eure Maria Engels

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