Dienstag, 26. Juni 2012

Rezension: "Die Glasbücher der Traumfresser" - Gordon Dahlquist

Endlich habe ich den 925-Seitenwälzer durch! Damit gehört er definitiv zur Wälzerchallenge vom Bücherwahnsinn-Blog und ich kann mich endlich wieder anderen Bücher widmen.
Mit dem ersten Band »Die Glasbücher der Traumfresser« ist Gordon Dahlquist ein gutes Debüt gelungen, welches allerdings nicht bei jedem positiv aufgenommen werden wird. Doch der blanvalet Verlag hat sich getraut und dieses feine Schreibstück gedruckt.


entnommen bei buch.de
Zur Rezension:
Um was geht es in »Die Glasbücher der Traumfresser«? Es geht um Glas, blaues Glas, Chemie, Masken, Träume, Kontrolle, Macht, Bücher, Erinnerungen, Verschwörungen, Morde, zwei Gruppe, ein Luftschiff, Säbel, Geheimnisse, Bündnisse und ein Verfahren. Es wird erzählt wie drei Personen zufällig in eine Geschichte verwickelt werden und später auch zusammen arbeiten. Der Autor lässt sich Zeit um das große Geheimnis, was es mit dem Verfahren auf sich hat, zu beleuchten und anschließend auch aufzudecken. Der Weg dahin ist alles andere als einfach und erfordert höchste Aufmerksamkeit, auch vom Leser. Seltsame Vorgänge werden beobachtet, Menschen manipuliert und bis in die Psyche verändert. Die Traumfresser ziehen ihre Kreise und finden viel zu leicht neue Anhänger. Eine kleine Gruppe macht es sich zur Aufgabe ihr Vorhaben zu stoppen.

Die Idee hat mit sofort gefallen. Allein schon der Titel und das Cover haben mich angesprochen. Schnell wird klar, was es mit der Maske auf dem Cover auf sich hat, sie steht meiner Meinung nach auch für das große Geheimnis des Buches. Es spielt im viktorianischen England und ist wunderbar in den historischen Kontext eingearbeitet. Mir gefielen sehr die Glaskarten und Bücher, die eine wichtige Rolle spielen. Die Bilder und Beschreibungen, die der Autor in diesen Szenen brachte, ließen mich selbst eintauchen und darin versinken. Aber auch das Komplott und die Verstrickungen waren sehr gut umgesetzt und dargestellt. Teilweise habe ich da zwar den Überblick verloren, aber ich konnte mich recht schnell wieder einfädeln. Es war mal etwas anderes im Bereich Phantastik und ich fand die Kombination sehr gelungen.

Der Schreibstil ist recht schwierig und alles andere als schnell zu lesen. Ich habe für das Buch eine ganze Weile gebraucht. Die vom Autor gewählte Sprache erschwert das Lesen. Ich mochte den älteren Stil und fand ihn passend zur Geschichte. Die Sätze sind teilweise sehr lang und detailreich. Der Autor schreibt alles sehr genau, was vermutlich einige abschrecken wird. Jeder, der Interesse an dem Buch hat, sollte vorher ein paar Seiten lesen. Ich fand den Stil gut und eine nette Abwechslung zu sonst eher einfacher Schreibweise. Dennoch hatte ich streckenweise meine Probleme, eben auch mit den Details. Handlungen, Abläufe, Umgebungen et cetera werden sehr genau beschrieben. Andererseits malt er auch sehr schöne Bilder und durch den Stil kann man sich sehr gut in die Personen, die Stimmung und die Umgebung einfühlen.

Die drei Hauptpersonen haben mir sehr gefallen. Sie waren sehr detailliert, lebendig und mitreißend. Sie haben alle ihre Eigenheiten und bestimmten Züge, die sehr gut ausgearbeitet wurden. Es fällt leicht sie zu unterscheiden und sie sich vorzustellen. Hier hat der Autor ausgezeichnete Arbeit geleistet.
Miss Tempel hat wohl die größte Veränderung im Buch durchgemacht. War sie zu Beginn noch die kleine Frau, der niemand etwas zutraute und die von ihrem Verlobten verlassen wurde, so war sie am Ende eine ernst zu nehmende Gegnerin, die sich nicht scheute auch eine Waffe in die Hand zu nehmen.
Kardinal Chang, mit vor allem äußerlichen Besonderheiten, ist eiskalt und ein Auftragsmörder. Bei ihm wusste ich nie genau, aus welchem Antrieb her er handelte und was er sich erhoffte, vielleicht ist mir das aber nur entfallen. Er hat seine Stärken, ist ein ausgezeichneter Kämpfer und behält sein Ziel immer im Blick.
Doktor Svendson, ein Deutscher Offizier, der eigentlich nur seinen Prinzen retten wollte, gerät mit in die Verschwörung. Durch Zufall trifft er Miss Tempel und gemeinsam verbünden sie sich. Auch er wächst im Verlauf des Buches über sich hinaus und stellt sich den Herausforderungen.
Alle drei kämpfen um ihr Leben und stehen mehrmals kurz vor dem Tod. Ihr Bündnis bleibt bis zum Ende bestehen und gemeinsam nehmen sie es mit der Clique auf.

Die Clique besteht aus vielen einflussreichen Personen. Es ist bis zum Ende nicht ganz klar, wer bei ihnen wirklich miteinander kooperiert. Sie werden als Zweckgemeinschaft dargestellt, bei der jeder seinem eigenen Ziel hinterher jagt. Mir fehlte hier ein Personenregister. Einige von den Mitgliedern hatten mehrere Namen, auch der Wechsel zwischen Vor- und Zuname, sowie der Anrede waren teilweise sehr verwirrend und es dauerte, bis ich alle auseinander halten konnte. Dennoch hat der Autor seine Sorgfalt auch hier durchgezogen und alle sehr individuell gestaltet, was sie griffiger machte.

Das Buch ist in sehr lange Kapitel unterteilt, die sich immer mit einer der Hauptperson befassen und diese jeweils »verfolgen«. So laufen drei Handlungsstränge meist parallel und werden hier und da zusammen geführt. Dadurch bekommt der Leser einen guten Rundumblick auf die Story, verliert sich allerdings auch darin. Teils wird abgebrochen und wieder viel weiter hinten eingesetzt um z.B. den Kardinal näher zu beleuchten. Das machte es für mich schwierig die Spannung zu halten. Endlich passierte etwas, da wechselte der Autor die betrachtete Person. Dennoch konnte er so das komplexe Konstrukt besser umkreisen und den Leser lenken und erneut Spannung aufbauen. Vor allem gegen Ende, wenn die Stränge langsam zusammen laufen, kam Spannung auf und ich konnte das Buch kaum mehr aus der Hand legen.

Was mich gestört hat, war, dass die drei »Rebellen« einfach nicht gestorben sind. Ihre Feinde, die definitiv in der Übermacht waren, haben sie andauernd am Leben gelassen, obwohl es cleverer gewesen wäre, aus Sicht der Gegner, sie bei der ersten Gelegenheit zu töten. Bis auf den einen Zufall mit dem Kardinal habe ich es nicht verstanden. Drei Leute gegen eine Verschwörung erscheint mir zu unmöglich. Auf der anderen Seite ist das genau der Punkt, der das Buch ausmacht, dass die drei jegliche Widrigkeiten überstehen und eine Gefahr für die Clique sind.
Zum Anderen habe ich im Schloss oder dem Haus den Überblick verloren. Ich wusste irgendwann nicht mehr, wo sie sich nun befanden und wie die Gebäude aufgebaut waren. Für diesen Fall wären Karten ganz hilfreich gewesen, Selbst wenn ich das Buch in einem kürzeren Zeitraum gelesen hätte, wäre es, bedingt durch die Perspektivwechsel, recht schwierig gewesen zu folgen.
Und das Ende, wie immer. Da schreibt der Autor lang und breit über alles und jeden und dann ist es auf einmal vorbei. Der Leser wird mit einer Ahnung zurück gelassen, im kalten Wasser treibend. An sich ist das Buch abgeschlossen, doch kribbelt es dennoch.

Es ist anstrengend zu lesen und nur etwas für Fans des Settings und von so einem Schreibstil. Wer lieber auf leichte Kost steht, sollte die Finger davon lassen. Mir hat es, bis auf das langwierige Lesen und den teils fehlenden Überblick, sehr gut gefallen. Die Detailverliebtheit und die echten Charaktere, sowie die Idee haben mich von dem Buch überzeugt.
Ob ich mir auch den nächsten Band hole, weiß ich noch nicht.

Für die Idee gibt es 4 Sterne, die Personen auch 4, aber für den Stil und die Schreibweise nur 2. Insgesamt sind wir so bei 3,3 Sternen =)  

Montag, 25. Juni 2012

Rezension: "Die Phoenix-Chroniken - Asche" - Lori Handeland

Der erste Band »Asche« aus der Reihe »Die Phoenix – Chroniken«, erschienen bei LYX, überzeugt mit seiner leichten Leseart und dem flotten Schreibstil der Autorin. Mit seinen 323 Seiten ist der Roman schnell zwischendurch gelesen und eine willkommene Abwechslung.

entnommen von libri.de
Zur Rezension:
Mit »Asche« bekommt der Leser ein gutes Bild von den handelnden Personen. Der Einstieg ist gut gelungen und der Leser kriegt eine leichte Ahnung, wo das Buch hinführen will. Es wird viel angedeutet, doch nichts konkret dargelegt. Im Verlauf des Buches ist das ein Punkt, der etwas nervig ist, da die Autorin oft nur Andeutungen macht und den Leser ziemlich warten lässt. Das treibt andererseits auch das Lesetempo voran. Später fügt sich alles in ein stimmiges Bild.

Die Handlung ist schnell und spannend. Lori Handeland zieht den Leser förmlich mit sich und die Seiten fliegen nur so dahin.

Elizabeth Phoenix, die Hauptperson, wusste schon immer, dass sie anders ist. Durch Berührung konnte sie Menschen finden oder Bilder sehen. Diese Fähigkeiten wollte sie aber verdrängen, sie fühlte sich nicht wohl damit und es dauerte, bis sie sich selbst, so wie sie ist, akzeptieren konnte. Im Verlauf des Buches lernt sie damit umzugehen und auch die neu gewonnenen Fähigkeiten zu nutzen. Es ist spannend zu lesen, wie sie sich entwickelt und nach und nach damit zurecht kommt. Sie lernt zu verstehen, dass es ein Teil von ihr ist. Mit der paranormalen Welt hat sie anfangs ebenfalls ihre Schwierigkeiten, fügt sich allerdings schnell ein, auch wenn sie ihre Rolle erst nicht wahrhaben will. Es geht um Macht, Liebe, Selbstvertrauen und einen Krieg, der bereits begonnen hat.

Die Personen sind gut dargestellt. Elizabeth gefiel mir von allen am besten, auch wenn mir erst nicht gefallen hat, dass sie mit sich so unzufrieden ist. Allerdings macht das ihren Charakter aus. Ihre teils ironische Art, aber auch ihre Zweifel kommen sehr gut rüber.
Jimmy, Elizabeths Exfreund, ist unnahbar. Mal lässt er sie an sich heran, im nächsten Moment stößt er sie von sich. Der Leser erfährt aber nie, wieso er so ist. Es lässt sich vermuten, dass es an seiner Kindheit und seinen Eltern liegt. Auf die Kindheit der beiden wird auch nur sehr wenig eingegangen. Für das Buch nicht weiter wichtig, aber vielleicht wären genau diese genaueren Einblicke gut gewesen.
Sawyer ist ein sehr interessanter Charakter, der erst als großes Geheimnis dargestellt wird. Über ihn erfährt der Leser erst später einige Details. Größtenteils wird Sawyer nur grob umrissen, dass man zwar mit ihm umgehen kann, aber eigentlich kaum etwas weiß.
So richtig zufrieden bin ich mit ihnen nicht, da die Tiefe fehlt, aber sie sind alle greifbar und gut beschrieben. Bei den Personen könnte ich mir vorstellen, dass sie vor allem in den folgenden Büchern ausgebaut werden und lasse mich daher überraschen.

Es sind schöne Beschreibungen enthalten, dass sich der Leser gut in die Stimmung und die Umgebung einfühlen kann. Hier und da ein bisschen mehr, aber ansonsten gut geschrieben. Die Autorin hält sich nicht mit Nebensächlichkeiten auf oder verstrickt sich in unnötige Details. Der Schreibstil lädt auch zum Lesen ein und binnen weniger Stunden hatte ich das Buch durch. Lori Handeland schreibt umgangssprachlich und mit vielen Dialogen. Manche werden das vielleicht nicht mögen, ich fand es sehr gut und auch passend zur Art des Buches.

Was mich aber gestört hat, war, dass Liz keine wirkliche Lehrstunde bekommen hat. Die Geschichte, wie alles begann, wurde ihr zwar erzählt, aber die einzelnen Wesen und deren Tötungsarten, die für sie schließlich von Bedeutung sind, wurden ihr nicht vorgestellt. Eine Kurzzusammenfassung, dass sie es gelernt hat, hätte mir da schon gereicht, aber sie unvorbereitet auf einen Krieg loszulassen, in dem sie eine sehr wichtige Rolle spielt, fand ich sehr seltsam. In dem Punkt hat die Autorin Nachholbedarf.
Zum anderen war da noch das Ende. Bei vielen Büchern hört es auf einmal abrupt auf, so auch bei diesem. Erst das große Drama und dann ist es plötzlich vorbei. Jetzt warte ich, wie es weiter gehen wird und was mit Liz, Jimmy und Co noch alles passiert.

Ein gutes Buch für jeden Fan von Fantasy und leichter Kost, ein super Pageturner. Alles in allem sehr spannend, mit einigen Kampfszenen und prickelnder Erotik. Wenn auch nicht höchste Schreibkunst, so doch angenehm und ein schöner Zeitvertreib. Ich bin gespannt, wie es weiter geht und habe mir schon den nächsten Band bestellt.

Für die Idee und die Fähigkeiten gibt es ein dickes Plus, für die teils fehlende Tiefe ein Minus. Insgesamt für das gute Lesevergnügen 3 Sterne, mit Tendenz nach oben! ;)

Freitag, 8. Juni 2012

Update - Schreibchallenge 2012

Eine Woche ist jetzt rum und bei mir hieß es: Schreiben, Schreiben, Schreiben! 
Ich hatte viele neue Ideen, die ich umsetzen musste, aber auch einige persönliche Dinge, die wie von allein, zu Papier geflossen sind. Es war richtig schön kreativ und auch eine Freude, wieder zu schreiben. Die letzten beiden Tage hatte ich einen kleinen Hänger, da wollte der Kopf zu viel oder auch zu wenig, wer weiß. Die nächsten Tage geht es aber voller Motivation weiter.

Insgesamt habe ich 7206 Worte geschrieben, was nach der langen Schreibpause wirklich mehr war, als ich erwartet hatte. Für mich ein super Ergebnis, zumal zwei der Texte spontan entstanden sind. An dieser Stelle ein Danke an David Rohlmann, der die Kreativität durch spontane Äußerungen gewaltig angekurbelt und mich auch beim Schreiben motiviert hat. Ebenso muss ich Mendea de Scarlett danken, die nicht nur mit ihren Namen immer herhalten muss, sondern mir auch beim  Namen Suchen, sowie beim Ausarbeiten von Ideen immer mit Rat und Tat zur Seite steht! Ohne die Beiden, würde es vermutlich auch nicht mehr so viel Spaß machen. 

Geschrieben habe ich diese Woche an den Himmelstränen, zwar nur gut 1000 Wörter, aber für den Anfang vertretbar.
Des weiteren entstand ein Text, der mir sehr am Herzen liegt, "Breathing" mit 3005 Worten. Ich weiß noch nicht, was ich damit mache, wohin es mit ihm geht, oder ob ich Teile entnehme und in anderen Texten einbaue. Aber es war schön, ihn zu schreiben und auch wichtig. Da könnte noch einiges mit passieren. 
Zuletzt der Wahnsinn "Am Rande des Wahnsinns" mit 3066 Wörtern. Einen kleinen Auszug hatte ich ja schon gepostet. Im Moment entsteht, auf Grundlage des Textes, ein Märchen. Ich fand die Beschreibungen toll und war ganz versunken beim Tippen, dass ich ihn nicht einfach so abhaken wollte. Es bleibt bei der Grundversion, die ich in den nächsten Tagen noch ausbauen werde und parallel dazu werde ich dem Text noch etwas mehr Märchen einhauchen. Am Ende wird es somit (hoffentlich) zwei Versionen geben. Ich freue mich darauf zu sehen, wo es mich hinbringt. Ein paar Fakten müssen noch geklärt werden, da hoffe ich wieder auf Hilfe von Mendea und David. Nächste Woche gehen auch die unfertigen Versionen an die Testleser raus, mal sehen, was die dazu sagen. 

Es bleibt spannend und ich bleibe am Ball, oder eher der Tastatur. 
Wer mehr wissen möchte oder verfolgen will, wie es so läuft, kann sich gern meine Seite Schreibchallenge 2012 ansehen. Da aktualisiere ich jeden Abend meine Wortzahl und die Projekte.
Auch unsere Facebook-Seite freut sich über jeden Like ;) 

Montag, 4. Juni 2012

Am Rande des Wahnsinns

Nein, nicht ich. Also, manchmal vielleicht, schwer zu sagen. Aber bei "Am Rande des Wahnsinns" handelt es sich eher um eine neue Geschichte, die ich gestern angefangen habe. Ich wollte eigentlich kein neues Projekt, da im Moment die Schreibchallenge 2012 läuft und ich mich da mit schon vorhandenen Ideen oder Texten befassen wollte. Doch mein Kopf war da anderen Meinung. Erst schob er mir "Breathing" dazwischen (eine Story, die ich noch nicht einmal ansatzweise beendet habe, bzw bei der ich auch nicht weiß, ob ich sie als Einzelstory lasse, oder sie noch irgendwo einbaue) und jetzt den Wahnsinn. Aber sie gefallen mir beide sehr gut, das Schreiben an ihnen macht Spaß, auch wenn es teilweise sehr verstörend ist. 


Von "Am Rande des Wahnsinns" möchte ich euch gern einen kleinen Auszug zeigen, da "Breathing" ungeeignet ist. 
Es geht natürlich noch weiter, wird später auch bunter. Vielleicht wird es auch der Auftakt zu dem Märchen? Wer weiß ;) 

Sie war allein, saß am Rande des Abgrunds. Hinter ihr türmten sich schwarze Wolkenberge, dicker Qualm lag in der Luft, ließ sie schwerer atmen. Das Gebirge war dunkel, verhangen und tot, kein Leben wuchs mehr auf ihm, ein paar dürre Geier kreisten über ihr. Scharfkantig war der Fels auf dem sie saß, zahlreiche Wunden hatte sie sich in Arme und Beine geritzt. Der starke Wind peitschte ihr die Haare ins Gesicht, eisig hielt er sie in seinem Griff. Doch stur blieb sie dort sitzen, wo sie saß und starrte nach vorn. Sie wartete. Wartete auf ein Zeichen, eine Regung. Seit Tagen wartete sie, harrte aus. Sie war mehrfach kurz davor gewesen zu springen. Wenn sie die Augen schloss, konnte sie sich das Wasser vorstellen, dass nur knapp unter der Kante sacht den Fels umspielte. Der tosende Sturm und das Donnern der Wellen tief unter ihr hielten sie jedoch davon ab, sich zu rühren.
Wieso kam er nicht?
Der Sturm nahm zu, riss an ihren Haaren, ihrer Kleidung. Er drehte, drückte sie nach vorn, über den Rand. Mit aller Kraft stemmte sie sich dagegen, schnitt sich tiefer in die Handflächen, als sie sich in das Gestein krallte. Doch sie gab nicht auf, harrte weiter aus und wartete. Die ersten nachtschwarzen Tropfen prasselten auf die nieder. Dreckig und stinkend prügelten sie auf sie ein. Binnen Sekunden war sie völlig durchnässt. Die Kälte spürte sie nicht mehr. Sie spürte nichts mehr. Der Wahnsinn hatte ihr alles genommen, alle Erinnerungen und Bilder aus ihr heraus gezerrt und sie leer zurück gelassen. Leer, aber wartend. Diesen letzten Gedanken hatte er ihr gelassen, dass sie warten sollte. Warten auf einen Mann, der nie kam.
Sie wusste nicht, wie lang sie schon dort saß, mit den Beinen über dem Abgrund, bereit zu springen.
Die Tage am Anfang, waren die Hölle auf Erden gewesen. Die Umgebung hatte sie mürbe gemacht, orientierungslos war sie durch das Gebirge gelaufen, um am Ende doch wieder an der Klippe zu stehen. Es hatte sie angezogen, die Finsternis hatte nach ihr gegriffen, um sie in ihre unergründliche Tiefe zu ziehen. Sie war gerannt und gefallen, so oft gefallen. Immer wieder war sie aufgestanden und weiter gerannt. Wollte ihn finden, sie wusste, dass er irgendwo auf sie wartete.
Es veränderte sich nicht. Sie konnte nicht fliehen, wusste nicht einmal mehr, was sie hierher geführt oder wie sie her gefunden hatte. Alles schien sich im Kreis zu drehen, sich zu wiederholen. Sie kämpfte dagegen an, ignorierte wo sie war, lehnte sich dagegen auf. Verzweifelte und brach zusammen. Sie rannte wieder, endete an der Klippe, alles wiederholte sich. Schließlich packte sie der Wahnsinn und sie ergab sich ihm.
Der Regen klebte an ihr. Zähflüssig floss das Wasser an ihr herab. Bestialischer Gestank brannte sich in ihre Nase, verätzte alles. Sie spuckte aus, spuckte Blut. Sie wollte sich über den Mund wischen, stoppte in der Bewegung. Im dunkelsten Rot troff es von ihrer Hand. Der Regen war nicht Schwarz, er war Rot, so Rot wie Blut.