Freitag, 30. Dezember 2011

Stillstand - eine Wettbewerbsgeschichte

Wie versprochen kommt jetzt mein Wettbewerbsbeitrag für Epidu. Er hat leider nicht gewonnen, aber vielleicht gefällt er euch ja. 
Ein Teil der Geschichte ist mir selbst passiert, was genau wird nicht verraten. 
Ich wünsche euch viel Spaß mit der Geschichte und einen schönen Jahreswechsel!



Stillstand

 Zaghaft kuschle ich mich an ihn, schmiege meine Wange an seine Schulter und schließe die Augen. Bin eingedeckt mit Wärme, seiner und die des Ofens. Fühle mich geborgen und beschützt, hier will ich bleiben. Das Holz knackt und das Feuer prasselt. Ich nippe an meinem Tee und wärme meine Hände an der Tasse.
Markus erhebt sich, öffnet die Ofentür und legt Holz nach. Versonnen starren wir ins Feuer, verlieren uns in unseren Gedanken, beginnen zu träumen.

***

Als ich letzten Samstag ankam, war ich der festen Überzeugung rechtzeitig daheim zu sein. Ich war für vier Wochen in Frankreich unterwegs gewesen und Aachen war der letzte Stopp meiner Reise, bevor es nach Hause gehen sollte.
Mit über zwei Stunden Verspätung fuhr mein Zug hier ein. Ich schlüpfte in meine Winterjacke und verstaute das Kissen in der Reisetasche. Das Hostel hatte ich am Morgen über meine Verspätung um eine unbekannte Anzahl von Stunden informiert. In Anbetracht des Schneetreibens und der damit verbundenen Katastrophen auf den Gleisen, wäre es die bessere Alternative gewesen, in Frankreich zu bleiben. Dachte ich zumindest an diesem Tag.
Ich hatte nur noch den Weg vom Bahnhof zum Hostel vor mir gehabt, schulterte die Tasche und reihte mich in den Strom der Aussteigenden ein. Die Schneemassen wurden von der überdachten Halle ausgeschlossen, und ich ließ mich mit den Anderen nach draußen treiben.
Eine weiße Pracht hatte uns erwartet. Große, flauschige Flocken tanzten elegant zur Erde. Vor mir breitete sich eine dicke Schneeschicht aus, die von Fußabdrücken durchpflügt war. Ich hielt Ausschau nach den Taxen und fand zur Rechten des Bahnhofs eine ganze Schlange wartender Wagen vor. Ich bahnte mir meinen Weg, trat in die Fußstapfen der anderen und versuchte, nicht die Bodenhaftung zu verlieren. Der erste Fahrer bemerkte mich und nahm mir das Gepäck ab, als ich ihn erreichte. Wir stiegen zeitgleich ein.
Nachdem er die Adresse ins Navi getippt hatte, fuhr er los. Ich verlor mich in den Betrachtungen der Flocken, die gegen die Scheibe rieselten. Es ging langsam, aber stetig voran.
„Ihre Hausnummer gibt es nicht“, sagte er nach einer Weile. Ich schaute auf und warf einen prüfenden Blick aus dem Fenster.
„Das geht so. Ich werds schon finden.“ Er zuckte mit den Schultern, steckte das Geld, das ich ihm reichte, ein und stieg aus um mir meine Tasche zu geben. Ich bedankte mich und wir nickten uns zu. Er stieg ein und leise entfernte sich der Wagen.
Da stand ich also, mit meiner Tasche in der Kälte, ohne zu wissen, wohin ich sollte. Suchend blickte ich mich um und wurde von den Wölkchen meines Atems abgelenkt, die die Flocken noch mehr zum Tanzen brachten. Fasziniert sah ich den weichen Eiskunstwerken zu, die Anspannung des Tages löste sich bei der ruhigen Bewegung, und ich musste mich zwingen, nicht weiter darauf zu achten.
Ich orientierte mich an den Nummern der Häuser und öffnete das Tor vor mir, was zum letzten Haus der Straße gehörte. Das Haus zur Rechten trug die Nummer 112, daraus folgerte ich, dass dies die Nummer 114 sein musste. Es war unverschlossen, die Tür oberhalb der Treppe angelehnt, also erklomm ich die Stufen und trat ein. Ehe ich mich umsehen konnte, ertönten Stimmen über mir. Die Wendeltreppe zitterte unter dem Gewicht der Unbekannten. Nervös überlegte ich, wie ich aus dieser Nummer heraus kommen konnte, ohne als Einbrecher dazustehen.
Ein älterer Herr kam die Treppe herunter, hinter ihm tauchten vier junge Männer auf, die ich auf mein Alter schätze. Ich lächelte, um meine Daseinsberechtigung zu unterstreichen und wurde prompt schief angesehen.
„Wer bist du denn?“ Mein Lächeln bekam einen Knacks und ich vergrub die Hände in den Jackentaschen.
„Ich wollte ins Hostel. Bin ich hier richtig?“, fragte ich zurück.
„Ja, bist du. Wer hat dich reingelassen?“
„Niemand, die Tür war offen.“ Ich zeigte hinter mich.
„So so“, seine Augen wurden zu schmalen Schlitzen. „Und da kommst du einfach zur Hintertür rein?“ Seine Mundwinkel zuckten.
„Ja, ich hab die Hausnummer nicht gefunden“, gab ich zu.
„Die ist da vorn, genauso wie die richtige Tür.“ Er deutete nach rechts, den Gang entlang. Ich nickte.
„Ich zeige den Jungs grad alles, komm mit, da muss ich es nicht doppelt erklären.“ Ich stellte das Gepäck ab und folgte dem Grüppchen.
Das war meine ungewöhnliche Ankunft und das Kennenlernen mit Markus in Aachen gewesen.

***

Bei der Erinnerung muss ich unwillkürlich grinsen. Ich lächle Andrea zu, die ein Stück weiter sitzt und gedankenverloren mit einer Strähne ihrer halblangen, braunen Haare spielt. Mit ihr war ich noch am selben Tag einkaufen und wir hatten uns sofort angefreundet. Wir redeten viel, tauschten uns aus und vertrieben uns die Zeit, während sie herum telefonierte und sich eine Mitfahrgelegenheit für den nächsten Tag organisierte.
Sie zwinkert mir zu und schaut wieder ins Feuer. Der Holzofen hat ein kleines Fenster, welches den Blick auf sein loderndes Inneres preisgibt. Die Feuerzungen lecken an dem frischen, trockenen Holz und verzehren es gierig. Es knackt und knistert, Funken sprühen.
Wehmütig wandert mein Blick weiter zu Cornelia. Unser Ruhepol. Anfangs fand ich sie zu ruhig, es schien mir, als würden wir keinen Draht zueinander finden können. Doch in der ersten Nacht, als Andrea schlief und von diversen Wohnungen träumte, die sie an dem Tag besichtigt hatte, flüsterten und kicherten wir, wie zwei kleine Mädchen auf Klassenfahrt. Während wir lachten, sagte Andrea kurz etwas im Schlaf. Erschrocken hielten wir die Luft an, weil wir dachten, wir wären zu laut. Fragend sah ich Cornelia an, die Andrea im unteren Bett musterte.
„Sie schläft“, hauchte sie.
„Was hat sie gesagt?“, fragte ich ebenso leise.
„Es klang wie: 20 Quadratmeter mit Balkon?“ Wir schauten uns an und mussten beide wieder anfangen zu lachen.

***

Cornelia bemerkt meinen Blick und sieht zu mir. Ihre kurzen Haare leuchten kupfern im Licht und ihre Augen blitzen. Ihre Miene wird weich und sie nickt mir zu. Ich nicke zurück und schneide eine Grimasse. Sie kontert mit einem genialen Mienenspiel und ich nicke anerkennend, zum Zeichen, dass sie gewonnen hat.
Die Schulter, auf der meine Wange ruht, regt sich und ich hebe den Kopf. Er legt den Arm um mich und zieht mich näher zu sich heran. Ich sinke ein Stück tiefer in die Kissen und passe mich ihm an. Mein Kopf ist an seinen Hals gebettet.
„Wollen wir gehen?“, fragt er.
„Nein. Noch nicht.“
Ein Teil der anderen Gäste ist schon weg, Einige entspannen mit uns am Feuer und manche sitzen als kleine Gruppe an einem der Tische. In den letzten Tagen sind wir zu einer Schikalsgemeinschaft zusammen gewachsen. Wir haben uns beschnuppert, kennengelernt, miteinander gealbert, gebangt, gestritten und gelacht.
Trotz Weihnachten hat es uns alle nach Aachen verschlagen. Manche waren, wie ich, auf Reise oder wollten Freunde besuchen. Cornelia hatte hier ein Praktikum, unsere Gruppe aus China einen Deutschkurs. Jeder dachte, dass er sich ein paar schöne Tage hier machen könnte, aber keiner hatte damit gerechnet, dass es so sein würde.
Es schneite. Es schneite den Tag meiner Ankunft und die erste Nacht hindurch. Die Begeisterung darüber legte sich, als die Schneeberge vor dem Haus höher und die Straßen unpassierbar wurden. Als wir morgens aufstanden und das Fenster öffneten um zu lüften, mussten wir feststellen, dass die Schneeberge bis unter das Fenster reichten. In diesem Moment, befassten wir uns zum ersten Mal mit dem Gedanken, wie es wäre, eingeschneit zu sein. Wir beeilten uns, uns fertig zu machen und gingen erneut, diesmal als große Gruppe, einkaufen. Den Weg zum Laden brachten wir auf Plastiktüten rutschend hinter uns, ohne daran zu denken, dass wir die glatte Fläche wieder hinauf mussten. Der Rückweg wurde zu einer schier endlosen Tortour.
Die Idee Vorräte für unbestimmte Zeit zu besorgen hatte wohl jeder in der Stadt. Die Regale waren beinahe leer geräumt, jeder von uns nahm, was er kriegen und so viel er tragen konnte. Schwer bepackt machten wir uns an den Rückweg. Wir sahen aus, als würden wir in ein Survival-Camp ziehen.
Wie meine Mitstreiter glitt ich aus, krallte mich mit bloßen Fingern in den Schnee und versuchte Halt auf dem eisigen Untergrund zu finden. Irgendwie schafften wir es ins Hostel. Wir alle waren durchgefroren und versuchten uns am Feuer aufzuwärmen, unseren Gliedmaßen Leben einzuhauchen. Ich setzte mich mit dem Rücken zu einer der Heizungen. Andrea und Cornelia saßen neben mir. Wir genossen wie die Hitze durch die Kleidung drang, mussten uns daran erinnern, uns nicht dagegen zu lehnen, um uns nicht zu verbrennen.
Draußen braute sich ein Unwetter zusammen und die nächsten vierundzwanzig Stunden beschränkte sich das Sichtfeld auf eine Armlänge. Über Nacht waren die Fenster eingeschneit.
Am ersten Tag, an dem wir das Haus nicht verlassen konnten, wurde uns bewusst, dass wir wenigstens Weihnachten im Hostel verbringen mussten, wenn nicht gar Silvester. Für viele sollte es ihr Abreisetag sein, doch bei dem Wetter war es unmöglich irgendwohin zu gehen. Keiner war besonders glücklich darüber und vom sonst so geschäftigem und lauten Treiben, war an diesem Tag nichts zu merken.
Am Abend, als wir alle im Aufenthaltsraum saßen, klingelte es an der Tür. Markus blickte auf, runzelte die Stirn und erhob sich, um zu öffnen. Die Tür war, im Gegensatz zu den Fenstern, noch zur Hälfte frei, da sie durch ein Dach geschützt war und die Männer sie regelmäßig von Schnee befreiten hatten.
„Seht mal, wer uns hier gefunden hat. Das ist Jannick“, rief Markus und alle sahen gespannt in seine Richtung. Auch ich hob den Blick von meinem Laptop. Hinter ihm tauchte ein großer junger Mann auf, der ihn um einen Kopf überragte. Er klopfte sich den Schnee von der Kleidung und setzte die Mütze ab. Einer der Anderen stand auf und versperrte mir dadurch die Sicht, sodass ich nur die Stimme des Unbekannten, die uns unsicher begrüßte, hören konnte. Markus entführte den Neuen sofort wieder, um ihm sein Zimmer zu zeigen. In dem Moment blinkte ein Chatfenster in meiner Taskleiste auf. Ulrike. Ich warf ihr einen fragenden Blick über den Tisch hinweg zu und öffnete das Fenster. Ein Smiley sprang mir entgegen.

Uli: ☺ der war ja süß!
Ich: du kannst auch mit mir reden!
Uli: das wäre zu einfach, und wer weiß, am ende würde er hinter mir auftauchen...
Ich: dann guck mal, wer eben hinter dir steht und mitliest...
Uli: what the ...
erschreck mich nicht so!
Ich: :P
hab ihn nicht gesehen.
Uli: da hast du was verpasst
Ich: ich weiß!
ich geh mal schnell rüber
Uli: willst ihm wohl nachlaufen
Ich: erwischt :P

***

„Das war lustig, als du hier angekommen bist“, sage ich laut.
„Ach ja? Ich fand es nicht so toll, zur Begrüßung über den Haufen gerannt zu werden, zumal ich mich kurz vorher erst Stunden durch den Schnee gekämpft hatte.“ Er knufft mich in die Seite.
„Wieso kommst du auch ausgerechnet dann durch die Tür, wenn ich da durch will?“ Ich blicke zu ihm auf und grinse ihn an.
Als ich, bei seiner Ankunft, den Raum verließ um in mein Zimmer zu gehen, prallte ich gegen Jannick. Wir stammelten Entschuldigungen und tänzelten umeinander herum, bis er mich an den Armen fasste, mich festhielt und ein Stück nach Rechts schob, sodass wir aneinander vorbei gehen konnten. In dem Moment, als sich unsere Blicke trafen und er mich berührte, entstand etwas. Zart und klein, ein dünnes, seidenes Band, dass sich in den folgenden Stunden und Tagen festigen und verdicken sollte, ohne, dass wir es wollten oder beeinflussen konnten.

An dem Abend saßen wir noch eine Weile im Aufenthaltsraum und lauschten Jannicks Geschichte, wie er sich nach Aachen durchgekämpft hatte. Er hatte versucht mit dem Auto von Köln nach Aachen zu kommen, doch zirka zwei Kilometer vor der Stadt ging nichts mehr vorwärts. Es war zwar geräumt, aber Schnee und Eis waren schneller als jeder Winterdienst. Er hatte sich dafür entschieden zu laufen, ließ sein Auto stehen und folgte einer Gruppe, die Richtung Stadt unterwegs war. Abgekämpft erreichte er das Hostel und beschloss bei uns zu bleiben, da er andernfalls noch weitere zehn Kilometer vor sich gehabt hätte. So war er bei uns gelandet.

***

„Aber du bist angekommen“, flüstere ich.
„Ja. Bin ich.“ Er lehnt seinen Kopf auf meinen. Sein Atem streicht über meine Stirn.
Ich hätte mir nie träumen lassen, dass es so wird. Uli ist an alledem nicht ganz unschuldig. Sie ist mir, wie Andrea und Cornelia, sehr ans Herz gewachsen. Sie ist wie ich eine Träumerin, die gern in andere Welten abtaucht und die erlebten Momente in Bildern festhält. Wir hatten uns gesehen und verstanden. Sie war es auch, die mir das eine Mal mitten in der Nacht eine SMS geschrieben hatte.
Es war Dienstag gewesen, mein dritter Tag im Hostel. Die Stimmung war merklich besser als am Vortag. Wir hatten beschlossen, dass beste aus der Situation zu machen und uns alle miteinander angefreundet. So saßen wir abends vor dem Ofen, wie heute, erzählten uns Geschichten, tranken Glühwein und entspannten. Mit der Zeit verabschiedeten sich immer mehr in ihre Zimmer und später übermannte auch mich die Müdigkeit. Dick eingepackt kroch ich in mein Bett und versuchte schlafen. Nach einer gefühlten Stunde Gedankenmarathon rund um das Thema Jannick kam ich endlich zur Ruhe. Bis die SMS von Uli mich erreichte.
Mir ist langweilig, war grad draußen rauchen, kommst du rüber in den AR?
Müde blickte ich aufs Display und stöhnte genervt, als ich die Uhrzeit sah. Kurz nach drei Uhr in der Früh. Ich war noch wach genug, also quälte ich mich aus dem warmen Bett, zog eine Jacke über und ging in den Aufenthaltsraum. Dort saß, im Halbdunkeln vor dem noch warmen Ofen, nicht Uli sondern Jannick. Er hatte mich gehört und musterte mich.
„Kannst du auch nicht schlafen?“
„Nein, ich... Eine Freundin meinte, sie wäre hier“ stammelte ich und wünschte mir ein großes Loch im Boden, durch das ich schnellstmöglich flüchten könnte.
„Hm. Vor ein paar Minuten war Eine hier. Sie hat kurz hereingeschaut, nach meinem Namen gefragt und mir Gute Nacht gewünscht“, erklärte er.
„Hm.“ Unschlüssig blieb ich in der Tür stehen und knetete meine Hände.
„Willst du da stehen bleiben oder dich nicht lieber zu mir setzen? Hier ist es sicher wärmer, als dort an der Tür.“ Belustigt beugte er sich vor und stütze sich mit den Ellenbogen auf den Knien ab. „Also?“
Ich machte auf dem Absatz kehrt und schlich zurück ins Zimmer. Dort kämmte ich schnell die Haare, zupfte meine Sachen zurecht, zog die Hosenbeine aus den Socken, bereute es wegen der einströmenden Kälte sofort wieder und klemmte mir die Decke unter den Arm. Im Spiegel nickte ich mir zu, hasste meine Augenringe und ging zu Jannick.
„Darf ich?“, fragte ich schüchtern. Er nickte, rutschte ein Stück zur Seite, damit ich vorbei konnte.
„Du willst wohl länger hier bleiben?“, fragte er mit Blick auf die Decke. Ich öffnete den Mund um etwas zu erwidern, schloss ihn aber wieder.
Er sah mich an, in seinen Augen kämpften Licht und Schatten um den schöneren Platz.
„Ich kann dort oben nicht schlafen. Das Schnarchen geht noch. Aber der eine knirscht mit den Zähnen. Grausam. Du denkst, der würde nachts Knochen mahlen“, erzählte er. Ich musste unwillkürlich grinsen.
„Wer weiß, vielleicht macht er das auch.“ Jannick legte Holz nach und lachte leise. Ein Lachen bei dem mir das Herz noch ein bisschen wärmer wurde. Ich kuschelte mich in die Kissen und griff nach der Decke.
„Du auch?“, fragte ich. Er zögerte, sah mich erneut an und nickte dann. Ich reichte ihm ein Ende und wir wickelten uns ein. Ein Zittern ging durch Jannick.
„War doch kälter gewesen, als ich dachte“, murmelte er.
Für eine Weile war es das Letzte, was einer von uns sprach. Wir wärmten uns gegenseitig, und als er erneut Holz nachlegte, berührten sich unsere Arme, beim Zurücklehnen. Er wollte nach links rücken, doch ich griff nach seinem Arm und hielt ihn fest.
„Es... Es ist okay“, flüsterte ich. „Du bist schön warm.“ Ich lief rot an und war froh, dass er das bei dem Licht nicht erkennen konnte. Er blieb an mich gelehnt sitzen und ich löste meinen Griff.

***

„Hier gelandet zu sein, ist das Beste, was mir passieren konnte“, murmelt Jannick in mein Haar. In seiner Stimme klingt ein Lächeln mit. „Die Nacht vor dem Ofen werde ich nie vergessen.“
„Ich auch nicht.“
Nachdem das anfängliche Schweigen gebrochen war, redeten wir viel. Erzählten von zu Hause, unseren Freunden, den Reisen die wir unternommen hatten, unseren Hobbys und Leidenschaften. Redeten über alles, was uns gerade einfiel, bis wir zum Thema Tanzen kamen. Die Erzählungen ließen das Gefühl aufleben, das ich beim Tanzen verspürte und ich konnte mich kaum auf dem Sofa halten.
Nach kurzer Zeit stand ich auf, fasste ihn bei der Hand und zog ihn hoch. „Lass uns tanzen!“ Aus meiner Jackentasche kramte ich den MP3-Player, schloss ihn an die Musikanlage an und wählte ein ruhiges Lied aus. „A thousand years“ von Christina Perri. Ein Wiener Walzer. Ungläubig schaute er auf mich hinab, zuckte mit den Schultern und nahm Haltung an.
„Darf ich bitten?“ Als er vor mit stand, einen Kopf größer als ich, mit durchwuschelten, hellbraunen Haaren und diesen unglaublichen grauen Augen, war es völlig um mich geschehen. Ich atmete tief durch und nahm Haltung auf.
Im Takt pendelten wir hin und her. Ich ließ mich von ihm führen und durch den Raum drehen. Versank in seinen Armen, löste mich aus ihnen, wartete auf den leichten Druck seiner Hände. Verlor mich in den sanften, fließenden Bewegungen. Ich schloss die Augen, ließ die Musik auf mich wirken, fügte mich automatisch in seine Bewegung. Es gab in dem Moment nichts zu sagen, wir waren eins, vereint in Harmonie mit der Musik. Meine linke Hand wanderte höher zu seinem Hals. Er hielt unsere gefassten Hände nahe am Körper und verschränkte seine Finger mit meinen. Seine Hand glitt ein Stück tiefer meinen Rücken hinab und umarmte mich halb. Wir wurden langsamer, wogen auf der Stelle hin und her. Hielten die Zeit an und sperrten die Welt aus. Waren ein Wir. Ein Du und ein Ich, vereint. Füreinander gemacht. Alles um uns vermischte sich, Grenzen verschwammen. Es glich einem bunten Farbenmeer, das uns einhüllte und zusammenführte.
Die Musik wurde leiser, löste sich auf und wir mit ihr. Ich lehnte meinen Kopf an seine Brust und vergrub meine Finger in seinem Haar.
Das Lied begann erneut und wir drehten uns mit ihm. Ich spürte sein Herz schneller schlagen. Laut und kräftig hämmerte es in seiner Brust. Ich löste meine Finger aus seinem Haar und legte ihm den Arm um die Taille. Drückte ihn fester an mich. Suchte Halt. Lies mich fallen.
Als der letzte Ton im Raum verklungen war, stellte Jannick die Anlage aus. Wir bewegten uns in einem unbekannten Rhythmus weiter, bis er schließlich anhielt.
Jannick öffnete den Mund um etwas zu sagen, aber ich legte ihm meinen Daumen auf die Lippen und blickte ihm in die Augen. Sie leuchteten. Sprühten Funken. Die graue Iris bildete einen schmalen Kranz um die Pupille und glich der Korona um die verdunkelte Sonne. In ihnen konnte ich mich verlieren, auf der Suche nach einem neuen Geheimnis, einer neuen Entdeckung, einem neuen Puzzleteilchen.
Ich schloss die Augen, drückte ihn erneut und löste mich von ihm.

***

„Ich dachte, ich hätte etwas falsch gemacht, als du plötzlich gehen wolltest.“
„Das hat man dir angesehen. Aber nein, hast du nicht. Im Nachhinein weiß ich auch nicht mehr, warum ich gegangen bin.“ Ich sah zu ihm hoch. „Lass uns gehen. Wir müssen morgen früh raus.“
Er nickt und gibt mich frei. Wir winken in die Runde und wünschen allen eine Gute Nacht. Die offizielle Verabschiedung war der Abend selbst gewesen. Jeder würde morgen seinen Weg gehen, der eine eher, der andere später, und einen Teil des Erlebten mitnehmen. Wir werden die angehaltene Zeit im Hostel gegen den Alltag eintauschen, uns an unser Umfeld anpassen und alles wird wieder so sein, wie es vorher war. Doch die Erinnerungen, Erfahrungen, Eindrücke und Menschen werden wir nie vergessen.
Wir alle waren darauf eingestellt gewesen über Weihnachten hier zu bleiben. Wir wollten uns die Tage schön machen, ein besinnliches Fest mit unbekannten Freunden um den Holzofen feiern, mit Glühwein und frisch gebackenen Keksen. Wir vertrieben uns die Zeit mit diversen Spielen und Geschichten. Jeder wusste etwas zu berichten, von Weihnachten zu Hause oder ohne Weihnachten, dafür mit Frühjahrsfest, wie in China. Bräuche wurden erklärt und verglichen, Lieder gesungen und sogar getanzt. Wir machten die Tage im Katastrophenzustand zu den besten des Jahres. Immer gab es etwas zu lachen, ob es nun Situationskomik war oder lustige Verhaltensweisen. Wir konnten erleben, wie Chinesen zu den Mahlzeiten wie eine Gruppe Ameisen in der Küche herum wuselten oder abends Milch samt Pappkarton in der Mikrowelle, später am Ofen, warm machten. Dass Marmeladenbrote wirklich immer auf der falschen Seite landen und dass wir alle einen Kurs in „Wie stolpere ich richtig“ belegen sollten. Uli schaffte es am ersten Abend, sämtliche Kabel mit sich und aus ihren Verankerungen zu reißen und ich gestaltete kurzfristig den Aufenthaltsraum neu. Gut, dass das nur alle gesehen haben...
Und jede Nacht, wenn die anderen in ihren Betten schlummerten, schlichen Jannick und ich zurück
in den Aufenthaltsraum um zusammen zu sein, ungestört ohne die anderen.

***

„Hättest du gedacht, dass wir Weihnachten zu Hause verbringen würden?“, fragt er, als wir aneinander geschmiegt im Bett liegen.
„Nein. Ich hatte vermutet, Weihnachten hier zu feiern. Wenn nicht gar Silvester. Und ich weiß immer noch nicht, was ich lieber hätte“ Sacht küsst er mich auf die Stirn. Meine Augenlider flattern bei der sanften Berührung, wie ein Stückchen Stoff im Wind.
„Sehen wir uns wieder?“ Wie ein Schwert schneidet die Frage durch die Luft.
Mit der Hand streiche ich ihm über die Wange, hebe den Kopf und mustere ihn. Es gibt so viel, was ich ihm sagen, ihm versprechen will. Doch es kommt mir nicht über die Lippen. Bleibt mir in der Kehle stecken. Ich umschlinge ihn fest und presse mein Gesicht an seine Brust. Er hält mich fest an sich gedrückt.
„Ich hoffe es.“
Es durfte noch nicht vorbei sein. Wieso hatte das Tauwetter schon am Donnerstag eingesetzt? Wieso war es so schnell gegangen?
Und morgen schon sollte diese schöne Zeit vorbei sein. Morgen! Ich schiebe den Gedanken von mir und verkneife mir die Tränen, die meine Augen fluten. Ein schweres Schlucken kann ich mir dennoch nicht verkneifen.
„Hey!“ Jannick hebt mein Kinn und schaut mir in die Augen. Sein Blick ist voller Fragen und leisen Versprechen, gibt mir Sicherheit und das Gefühl, aufgehoben zu sein.
„Lass es uns nicht vergessen, bitte. Lass uns nicht an morgen, an zu Hause danken. Lass uns einfach sein, den Moment genießen und im Hier und Jetzt verweilen. Bitte.“ Eine Träne stiehlt sich aus meinem Augenwinkel. Mit einem Finger fängt er sie auf. „Bitte.“ Kaum merklich nickt er.
Ich fasse seinen Nacken und zieh seinen Kopf ein Stück näher zu mir heran. Strecke mich ein wenig. Halte inne. Zögere. Fessle seinen Blick an meinen. Atme seinen Duft und präge mir jedes noch so kleine Detail seines Gesichts ein, ehe ich die Augen schließe und unsere Lippen endlich aufeinander treffen. 

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